Pressespiegel
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Kiezreport: Erobert und vergessen

aus Zitty, Januar 2003

Im nördlichen Teil der Choriner Straße boomt die Medienbranche. Im südlichen Teil, jenseits der Schwedter Straße, ist der große Hype schon wieder vorbei.

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Ein paar Anarchisten?As an den Hauswänden deuten auf subkulturelles Leben hin, das es hier wohl mal gegeben haben muss. „Ja, nach der Wende zogen viele Künstler, Esoteriker und Linke her`, sagt Micha, 32 Jahre alt, der seit der Wende in einer Seitenstraße wohnt. Es hat viele alternative Läden und WGs gegeben, aber die meisten haben wieder schließen müssen. Nur der legendäre Spätkauf floriert seit sieben Jahren. Ein kleiner, verstaubter Laden in einem unsanierten, graubraunen Haus. Wenn die Supermärkte längst geschlossen haben, versorgen sich die Anwohner hier bis Mitternacht mit Obst, Wein und abgepacktem Brot. Der Putz bröckelt von den Wänden, Efeu schlängelt sich an der Hauswand entlang. Charmant. Nur der Inhaber ist wenig gesprächig. „Ach, wat soll ick Dir erzählen?“

Geht man die Straße weiter bergab und biegt links in die Lottumstraße ein, landet man in einem der letzten linken Läden, dem Bandito Rosso. „Krieg dem Krieg“, „Bleiberecht für Roma“ fordern ein paar zerfetzte Plakate am Eingangstor. „Das Haus wurde nach der Wende besetzt“, erzählt der Barkeeper, ein Mittzwanziger mit anrasierten Schläfen und Kinnbart. Wo die neuen Werbefuzzis mit ihren Einladungen und Broschüren nur so um sich werfen, wollen die Menschen hier unten ihre Ruhe haben. Denn schon wird unsere Plauderei von einem der Hausältesten unterbrochen: „Einen Artikel? Nee, lass mal lieber!“ Also schlendere ich weiter in Richtung Rosenthaler Platz. An der Gormannstraße ist die Reise durch die Choriner Straße auch schon wieder vorbei. Hier sagt die neue Mitte dem alten Osten gute Nacht.