Pressespiegel
dpa-artikel
frankfurter rundschau 24.02.05

Alternatives Schlemmen:

Die Berliner „Volxküchen“

Berlin (dpa) – Plakate und Graffiti übersäen den Eingang. Innen dröhnt Punkmusik aus den Boxen. „Stopp Hartz IV“ und „Nieder mit dem Kapital“ heißt es auf ausgelegten Flugblättern.

Der „Fischladen“ in Friedrichshain ist eine der gut 30 „Volxküchen“ Berlins – dort kocht die alternative Szene für Leute mit wenig Geld.

„Schmeckt nach nüscht, is aber billig“,

klärt im „Fischladen“ ein Punk vom Nebentisch auf.

„Nimm Dir so viel De willst, Alter.“

Szenefremde sind allerdings nicht gern gesehen.

Die Geschichte der historischen Volksküchen geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1866 forcierte Lina Morgenstern, die auch für ihr Engagement für Kindergärten bekannt ist, die Gründung des „Vereins Berliner Volksküchen“, wie es auf mehreren Internetseiten heißt. Ausschlaggebend war der sich abzeichnende Krieg zwischen Preußen und Österreich und die damit drohende Knappheit und Verteuerung der Lebensmittel. Die Massenarmut der nächsten Jahre sorgte für regen Zulauf in den Armenküchen. Die Grundausstattung wurde über Spenden finanziert, während der weitere Betrieb sich selbst trug. Das Essen war billig, wenn auch nicht umsonst.

Die linke Szene griff mehr als 100 Jahre später die Idee auf. Seit den Häuserkämpfen der 80er Jahre werden die Volxküchen mit x geschrieben, weil „Volk“ als zu heikel galt. Die links- autonomen Hausbesetzer teilten sich eine Gemeinschaftsküche, wo sie für alle Bewohner und Gleichgesinnte kochten. Ein Unkostenbeitrag deckte die Ausgaben. Mehr als drei Mark wurden aber in der Regel nicht erhoben. Fleisch gab es fast nie – zu teuer und aus Rücksicht auf die Vegetarier.

Besetzte Häuser gibt es heute nicht mehr, das Berlin als Hochburg der Szene gehört der Vergangenheit an. Die Gemeinschaften zahlen inzwischen brav ihre Miete. Ikea hat in der heutigen linken Szene auch schon Einzug erhalten. Das Stadtmagazin „Tip“ nennt die Volxküchen „die Off-Off-Restaurantszene“. Das „Bandito Rosso“ in Mitte besitzt sogar eine eigene Internetseite. Es ist eine Gemeinschaft aus zwei Mietshäusern. Die Bewohner treffen sich hier, aber auch Nachbarn, Studenten und Schüler dürfen vorbeischauen. „Wir freuen uns auf alle, die die Zumutungen des kapitalistischen Alltags nicht widerspruchs- und tatenlos ertragen wollen“, heißt es hier.

Das Friedrichshainer „Black Girls Coalition“ gehört zu den exotischen „Voküs“, wie der Szenekundige sie nennt. Hier bedienen aufgetakelte Dragqueens (Männer in Frauenkostümen). Die „Brunnenstraße 183″ ist die Luxusvariante unter den Volxküchen. Bei Hähnchen-Curry schlürfen die globalisierten Linken ihre Cocktails. Um hinein zu kommen, muss man allerdings durchs Fenster steigen. Auch die anderen Küchen sind oft in Hinterhöfen versteckt und nicht immer einfach zu finden.

www.banditorosso.net

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Copyright © dpa – Deutsche Presseagentur 2005
Dokument erstellt am 24.02.2005 um 12:30:03 Uhr
Erscheinungsdatum 24.02.2005